Multi-Food Geschäftsführer Sven Renken. Foto: WLH
Pulver, Tabletten, Kapseln: Multi-Food produziert in Hollenstedt Nahrungsergänzungsmittel für verschiedene Marken aus Deutschland und Europa. Seit 2023 hat Geschäftsführer und Gesellschafter Sven Renken das Unternehmen gemeinsam mit seinen Partnern konsequent weiterentwickelt. Produktion, Umsatz und Team wachsen – und mit ihnen die Anforderungen an Prozesse und Technik. Eine Potenzialanalyse des Transferzentrums Elbe-Weser hat bei der Digitalisierung neue Türen geöffnet.
400 Tonnen Rohwaren im Jahr. Bis zu 250.000 Kapseln in einer Stunde. Rund 500 marktreife Produkte im Warenwirtschaftssystem, dahinter etwa 750 unterschiedliche Rohwaren. Wer wissen möchte, was bei der Multi-Food Produktions- und Handelsgesellschaft mbH in Hollenstedt passiert, bekommt mit solchen Zahlen zumindest eine Vorstellung von den Dimensionen.
Im Alltag der Verbraucher bleibt das Unternehmen trotzdem meist unsichtbar. Denn auf vielen Produkten, die hier entstehen, steht später ein anderer Name. Multi-Food ist vor allem Lohnhersteller für Nahrungsergänzungsmittel. Das Unternehmen produziert Pulver, Tabletten und Kapseln im Auftrag anderer Anbieter – darunter Marken, die über keine eigene Fertigung verfügen. Rund 35 bis 40 B2B-Unternehmen gehören zum festen Kundenstamm. Gefertigt wird für Auftraggeber in Deutschland und im europäischen Ausland.
Dabei beginnt die Arbeit nicht zwangsläufig erst an der Maschine. Einige Kunden wissen bereits sehr genau, welches Produkt sie auf den Markt bringen möchten. Andere kommen mit einer Idee und entwickeln Rezeptur und Produkt gemeinsam mit den Fachleuten in Hollenstedt weiter. Unterschiedliche Rohstoffe, Zusammensetzungen und Darreichungsformen stellen dabei jeweils eigene Anforderungen an Entwicklung und Produktion.
Neben diesem B2B-Kerngeschäft ist Multi-Food auch selbst im Endkundengeschäft aktiv. Eigene Produkte werden über E-Commerce-Kanäle vertrieben und tragen inzwischen rund zehn Prozent zum Umsatz bei. Ein mittelständisches Unternehmen in einer Branche also, die viele Verbraucher kennen – dessen Namen aber wahrscheinlich deutlich weniger.
2023 beginnt ein neues Kapitel
Dass Multi-Food heute auf Wachstumskurs ist, hat viel mit den vergangenen drei Jahren zu tun. 2022 hatten die bisherigen Eigentümer das Unternehmen altersbedingt verkauft. Die neuen Gesellschafter suchten anschließend jemanden, der die operative Verantwortung übernimmt und Multi-Food weiterentwickelt. Über das gemeinsame Netzwerk kam Sven Renken ins Spiel.
Renken stammt aus Buchholz, absolvierte seine Ausbildung zum Logistik- und Speditionskaufmann in Hamburg, sammelte Erfahrungen in einem Handels-Start-up und arbeitete später für eine Unternehmensholding. Parallel qualifizierte er sich zum Wirtschaftsfachwirt weiter.
Als er 2023 mit 29 Jahren die Geschäftsführung von Multi-Food übernahm, kannte er also Unternehmensprozesse, Handel, Logistik und kaufmännische Zusammenhänge. Neu war für ihn vor allem eines: die Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln. Die Branche musste er sich erschließen. Und genau das tat er.
Renken ging mit den damaligen Gesellschaftern systematisch durch das Unternehmen: Wie laufen Prozesse? Wo müssen Maschinen erneuert oder ergänzt werden? Welche Strukturen passen noch – und welche nicht mehr? Wo braucht es Investitionen, damit das Unternehmen wachsen kann?
Zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro sind nach seinen Angaben seitdem in die Modernisierung geflossen. Gleichzeitig blieb der bestehende B2B-Kundenstamm dem Unternehmen erhalten. Bereits 2024 zeigte sich erstes Wachstum, 2025 und 2026 setzte sich die Entwicklung fort. Den Umsatz konnte Multi-Food seit 2023 mehr als verdreifachen.
Wachstum, das man in der Produktion sehen kann
Einblick in die Produktion bei Multi-Food in Hollenstedt. Foto: Multi-Food
Mit den Geschäftszahlen wächst auch das Unternehmen selbst. Rund 20 Menschen arbeiten heute für Multi-Food. Der Betrieb bildet in verschiedenen Berufsfeldern aus und sucht mit der weiteren Entwicklung zusätzliche Fachkräfte.
Dabei sind die Berufsprofile teilweise überraschend. Für die exakte Mischung von Rohwaren kommen beispielsweise auch Bäcker oder Bäckermeister infrage, ebenso werden Maschinen- und Anlagenbediener gebraucht. Aktuell sucht Multi-Food zudem eine Fachkraft für Lebensmitteltechnik – ein Berufsfeld, in dem das Unternehmen auch selbst ausbildet. Mit dem weiteren Wachstum soll außerdem zusätzliche Kompetenz für den technischen Vertrieb und die Qualitätssicherung hinzukommen.
Am Standort selbst wird der Wachstumskurs inzwischen ganz praktisch spürbar. Zwei Produktions- und zwei Lagerbereiche stehen zur Verfügung – und die räumlichen Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt.
Renken führt das Unternehmen mit viel Tempo und kurzen Wegen. Wenn es nötig ist, gehört für ihn dazu, selbst mit anzupacken. „Ich bin sehr schnell und bin mir für nichts zu schade. Bei einem Personalengpass helfe ich auch mal in der Produktion mit aus“, sagt er. Das sei keine große Geste, sondern Teil des Umgangs miteinander. Wertschätzung für die Arbeit jedes Einzelnen müsse im Unternehmen gelebt werden. Es ist eine Haltung, die auch etwas darüber erzählt, wie Renken auf die Weiterentwicklung von Multi-Food schaut: genau hinsehen, Entscheidungen treffen, ausprobieren – und sich nicht darauf verlassen, dass Lösungen automatisch aus dem Tagesgeschäft entstehen.
Mit dem Wachstum kommen neue Fragen
Investitionen in Maschinen und Produktion waren deshalb nur ein Teil der Neuausrichtung. Je größer ein Unternehmen wird, desto stärker verändern sich auch die Anforderungen an Abläufe, Dokumentation, Warenwirtschaft und interne Kommunikation. Genau an dieser Stelle kam Ende 2025 das Transferzentrum Elbe-Weser, kurz TZEW, ins Spiel.
Der Weg dorthin begann interessanterweise mit einer anderen Frage. Renken hatte sich zunächst mit Fördermöglichkeiten für die umfangreichen Investitionen beschäftigt. Finanziert wurden diese schließlich klassisch über eine Bank. Über die Beschäftigung mit Förderangeboten entstand jedoch der Kontakt zur technologieorientierten Beratung.
Multi-Food nutzte eine Potenzialanalyse Digitalisierung des TZEW
Dabei ging es zunächst um eine Bestandsaufnahme. Betrachtet wurden unter anderem Warenwirtschaft, Dokumentenmanagement, Projektmanagement, digitale Vertriebskanäle sowie die Prozesse in der Produktion. Wo arbeitet das Unternehmen bereits digital? Wo liegen Informationen in unterschiedlichen Systemen? An welchen Stellen können Prozesse besser miteinander verzahnt werden? Und wo bieten neue Technologien Möglichkeiten, die für das Unternehmen tatsächlich relevant sind?
Für Renken hatte gerade dieser Blick von außen einen besonderen Wert. „Eigentlich ist man als Unternehmer der Meinung, dass man selbst am besten wissen muss, wie das eigene Unternehmen funktioniert“, sagt er. „Der Berater hat aber sehr schnell verstanden, wo unsere Baustellen sind und Wege aufgezeigt, die uns weiterbringen.“
Die Analyse machte beispielsweise sichtbar, dass viele Abläufe im Büro bereits weit digitalisiert waren, während es insbesondere in der Produktion weitere Ansatzpunkte gab. Produktionswissen und wichtige Informationen für die hohen Qualitätsanforderungen waren vorhanden – teilweise allerdings noch papiergebunden. Aus der Bestandsaufnahme entstanden neue Fragen. Und daraus weitere Kontakte.
INFO: Technologieberatung für KMU – das Transferzentrum Elbe-Weser
Das Transferzentrum Elbe-Weser (TZEW) unterstützt kleine und mittlere Unternehmen bei technologischen und innovativen Fragestellungen. Dazu gehören unter anderem Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, Produktions- und Prozessoptimierung sowie die Suche nach geeigneten Experten, Technologie- und Kooperationspartnern.
Ein mögliches Instrument ist die Potenzialanalyse Digitalisierung: Gemeinsam mit dem Unternehmen wird betrachtet, wie Prozesse und Systeme heute aufgestellt sind, wo Entwicklungsmöglichkeiten liegen und bei welchen Themen eine vertiefende fachliche Beratung sinnvoll sein kann. Bei Bedarf vermittelt das TZEW passende Experten aus seinem Netzwerk.
Im Landkreis Harburg arbeitet das TZEW mit der WLH Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg GmbH zusammen. Unternehmen können sich mit ihren Fragestellungen direkt an die WLH wenden. Für kleine und mittlere Unternehmen aus dem Landkreis Harburg ist die TZEW-Beratung bei Vorlage eines entsprechenden KMU-Testats kostenfrei.
Von Low Code bis zum eigenen KI-Assistenten
Sven Renken (r.) empfing Sven Samplatzli (v.l.) vom TZEW, Jennifer Coordes (WLH) und Thomas Nordmann (Landkreis Harburg) beim Unternehmensbesuch. Foto: WLH
Das TZEW vermittelte Multi-Food anschließend Gespräche mit Experten für Low-Code-Technologien und Künstliche Intelligenz. Low Code ermöglicht es, digitale Anwendungen und Automatisierungen mit deutlich weniger klassischer Programmierung aufzubauen. Erste Anwendungen hat Multi-Food inzwischen umgesetzt. So können beispielsweise eingehende E-Mails automatisiert zugeordnet und direkt an die richtigen Zuständigkeiten weitergeleitet werden. Für die Beschäftigten im Büro entfallen damit wiederkehrende Sortier- und Verteilungsschritte.
Spannender wird es dort, wo größere Datenmengen, Dokumentationspflichten und Produktionswissen zusammenspielen. Multi-Food arbeitet derzeit an einem eigenen KI-Assistenten, der perspektivisch mehrere Aufgabenbereiche unterstützen soll: von Kundenbestellungen und Warenwirtschaft über Qualitätsmanagement und Dokumentation bis zur Analyse vorhandener Daten.
Ein konkretes Einsatzfeld sind Maschinenstörungen. Diese werden bereits heute erfasst und dokumentiert. Werden die Informationen künftig strukturiert digital zusammengeführt, kann KI helfen, größere Datenmengen auszuwerten und wiederkehrende Zusammenhänge zu erkennen. Wann tritt eine bestimmte Störung auf? Gibt es Muster? Lassen sich Ursachen genauer eingrenzen und Probleme dadurch möglicherweise früher vermeiden?
Auch beim Wissensmanagement sieht Renken Potenzial. In der Produktion von Nahrungsergänzungsmitteln müssen zahlreiche Vorgaben und Qualitätsanforderungen berücksichtigt werden. Informationen mithilfe von KI gezielt und gegebenenfalls in unterschiedlichen Sprachen verfügbar zu machen, könnte Mitarbeitende künftig zusätzlich unterstützen.
Noch sind nicht alle Anwendungen fertig. Aber aus der ersten Analyse ist inzwischen ein konkreter Arbeitsprozess geworden. „Die Kombination aus Potenzialanalyse und Expertenimpulsen hat uns sehr dabei geholfen, unsere nächsten Digitalisierungsschritte klar zu strukturieren“, sagt Renken. „Besonders wertvoll waren die konkreten Anwendungsbeispiele für Low Code und KI.“
Warum der unabhängige Blick zählt
Dass aus einer Beratung anschließend tatsächliche Projekte entstehen, ist für Renken keine Selbstverständlichkeit. Ein Grund, weshalb er die Zusammenarbeit mit dem TZEW positiv bewertet, ist dessen Anbieterneutralität. Wer eine technische Lösung verkauft, berät naturgemäß auch vor dem Hintergrund seines eigenen Produktes. Das TZEW dagegen vermittelt Wissen und Experten, ohne eine bestimmte Software oder Technologie verkaufen zu müssen.
„Viele privatwirtschaftliche Beratungen verfolgen ein bestimmtes Interesse, zum Beispiel bei der Vermarktung bestimmter Produkte und Lösungen“, sagt Renken. „Dadurch, dass das TZEW öffentlich finanziert wird, war die Beratung unabhängig. Das hat von Anfang an Vertrauen aufgebaut, weil es um unsere Interessen ging.“
Der vielleicht wichtigste Effekt liegt für ihn deshalb gar nicht in einer einzelnen Technologie. „Man steckt oft tief in den täglichen Prozessen des Unternehmens“, sagt Renken. Eine externe Perspektive schaffe Raum für neue Gedanken und neue Kontakte. „Das TZEW hat viele Denkanstöße gegeben und Dinge ins Rollen gebracht.“ Dazu gehört allerdings auch die Bereitschaft, aus einem Impuls Konsequenzen zu ziehen. Beratung allein verändert kein Unternehmen. „Natürlich muss man bereit sein, zu investieren“, sagt Renken.
Die Nahaufnahme verschiedener Produkt-Samples zeigt, welche farblichen Möglichkeiten es bei der Produktion von Nahrungsergänzungsmitteln und ihrem „Branding“ gibt. Foto: WLH
Ein Beispiel für die Vielfalt des Mittelstands im Landkreis
Bei einem gemeinsamen Besuch von Landkreis Harburg, WLH Wirtschaftsförderung und TZEW bei Multi-Food wurde deshalb nicht nur über Digitalisierung gesprochen. Das Unternehmen steht zugleich beispielhaft für einen Teil der regionalen Wirtschaft, der außerhalb seiner eigenen Branche häufig wenig sichtbar ist.
„Wenn über den Wirtschaftsstandort Landkreis Harburg gesprochen wird, denkt man nicht unbedingt zuerst an die Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln“, sagt Jens Wrede, Geschäftsführer der WLH Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg GmbH. „Genau solche Unternehmen zeigen aber, wie vielfältig und leistungsfähig unser Mittelstand ist. Wir haben hier Betriebe, die in hoch spezialisierten und wachsenden Märkten erfolgreich sind, investieren, Arbeitsplätze schaffen und sich kontinuierlich weiterentwickeln.“
Für die WLH gehören beide Seiten zusammen: Unternehmen in der Region sichtbar zu machen – und ihnen Zugänge zu Wissen, Netzwerken und geeigneten Unterstützungsangeboten zu eröffnen. Im Landkreis Harburg arbeitet die Wirtschaftsförderung deshalb unter anderem mit dem TZEW zusammen. Unternehmen können sich mit technologischen oder innovativen Fragestellungen an die WLH wenden. Je nach Thema stellt sie den Kontakt zum Transferzentrum oder zu weiteren Fachleuten her.
Multi-Food zeigt, wie daraus eine Entwicklung entstehen kann, die zunächst gar nicht geplant war. Aus der ursprünglichen Beschäftigung mit Fördermöglichkeiten wurde eine Analyse der eigenen Digitalisierung. Daraus entstanden Expertengespräche. Und daraus wiederum konkrete technische Projekte.
Für Sven Renken ist das inzwischen Teil einer größeren Entwicklung, die 2023 begonnen hat: Multi-Food wächst, investiert, erweitert sein Team und richtet seine Prozesse darauf aus, dass das Unternehmen auch den nächsten Schritt bewältigen kann. Der Name Multi-Food wird dabei vermutlich weiterhin nicht auf jeder Packung stehen, die in Hollenstedt die Produktion verlässt. Was dahintersteckt, darf man im Landkreis Harburg trotzdem ruhig kennen.