Nahrungsergänzungsmittel sind ein Wachstumsmarkt – und ein Teil davon wird mitten im Landkreis Harburg produziert. Die Multi-Food Produktions- und Handelsgesellschaft mbH in Hollenstedt fertigt Pulver, Tabletten und Kapseln für Marken im In- und Ausland. Seit 2023 hat sich das Unternehmen neu aufgestellt und deutlich entwickelt. Bei einem Unternehmensbesuch informierten sich jetzt Vertreter des Landkreises Harburg, der WLH Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg GmbH sowie vom Transferzentrum Elbe-Weser (TZEW) über Produktion, Wachstum und die nächsten Schritte. Denn Multi-Food nutzt aktuell auch die Unterstützung des TZEW, um seine Digitalisierung gezielt weiterzuentwickeln.
Rund 400 Tonnen Rohwaren laufen jährlich durch die Mischanlagen des Unternehmens, bis zu 250.000 Kapseln können die Maschinen pro Stunde befüllen. Das Kerngeschäft liegt in der B2B-Lohnherstellung von Nahrungsergänzungsmitteln. Multi-Food produziert für Unternehmen, die zum Teil über keine eigene Fertigung verfügen. Manche Kunden bringen eine fertige Rezeptur mit, andere werden bereits bei Rezeptur- und Produktentwicklung begleitet. Rund 35 bis 40 B2B-Kunden gehören zum festen Kundenstamm.
Seit Sven Renken 2023 die Geschäftsführung übernahm, befindet sich Multi-Food in einem umfassenden Veränderungsprozess. Gemeinsam mit den Gesellschaftern stellte er Strukturen und Abläufe neu auf und investierte nach eigenen Angaben zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro in die Modernisierung. Inzwischen ist der 32-Jährige selbst Gesellschafter. Rund 20 Mitarbeitende beschäftigt Multi-Food heute; der Umsatz hat sich seit seinem Einstieg deutlich erhöht. „Als ich angefangen habe, hatte ich keine Produktionserfahrung. Ich bin ins kalte Wasser gesprungen“, sagt Sven Renken. Maschinen, Prozesse, Organisation und Personal seien anschließend konsequent auf den Prüfstand gekommen.
Für Jens Wrede, Geschäftsführer der WLH Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg GmbH, steht das Unternehmen damit auch beispielhaft für den regionalen Mittelstand. „Wenn über den Wirtschaftsstandort Landkreis Harburg gesprochen wird, denkt man nicht unbedingt zuerst an die Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln. Genau solche Unternehmen zeigen aber, wie vielfältig und leistungsfähig unser Mittelstand ist.“
Jennifer Coordes, Innovations- und Projektmanagerin bei der WLH ergänzt: „Wir haben hier Betriebe, die in hoch spezialisierten und wachsenden Märkten erfolgreich sind, investieren, Arbeitsplätze schaffen und sich kontinuierlich weiterentwickeln. Diese Unternehmen sichtbar zu machen und sie bei ihrer Entwicklung zu unterstützen, ist eine zentrale Aufgabe der Wirtschaftsförderung.“

Bei Multi-Food brachte das Wachstum neue Anforderungen mit sich. Neben Produktionskapazitäten, Personal und Organisation rückte zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wo digitale Lösungen Abläufe verbessern und das weitere Wachstum unterstützen können.
Unabhängiger Blick auf die Digitalisierung
Ende 2025 nutzte Multi-Food dafür eine „Potenzialanalyse Digitalisierung“ des TZEW. Untersucht wurden unter anderem Warenwirtschaft, Dokumentenmanagement, Projektmanagement, digitale Vertriebskanäle und Prozesse in der Produktion. Das Ziel: den digitalen Reifegrad des Unternehmens einordnen und konkrete Handlungsfelder identifizieren. „Eigentlich ist man als Unternehmer der Meinung, dass man selbst am besten wissen muss, wie das eigene Unternehmen funktioniert“, sagt Sven Renken. „Herr Samplatzki vom TZEW hat aber sehr schnell verstanden, wo unsere Baustellen sind, und Wege aufgezeigt, die uns weiterbringen. Es war interessant zu sehen, wo ein externer und unabhängiger Berater unsere Defizite sieht.“
Die Analyse zeigte unter anderem, dass Multi-Food in vielen Büroprozessen bereits vergleichsweise digital arbeitet, während insbesondere in der Produktion weiteres Potenzial besteht. Das TZEW vermittelte daraufhin vertiefende Gespräche mit Experten für Low-Code-Technologien und Künstliche Intelligenz. „Die Kombination aus Potenzialanalyse und Expertenimpulsen hat uns sehr dabei geholfen, unsere nächsten Digitalisierungsschritte klar zu strukturieren“, sagt Sven Renken. „Besonders wertvoll waren die konkreten Anwendungsbeispiele für Low Code und KI.“
KI soll Wissen und Daten besser nutzbar machen
Inzwischen arbeitet Multi-Food an einem KI-Assistenten, der perspektivisch unter anderem bei Dokumentationspflichten, Warenwirtschaft, Qualitätsmanagement und Datenanalysen unterstützen soll. Ein Beispiel sind Maschinenstörungen. Werden diese strukturiert digital erfasst, sollen wiederkehrende Muster und mögliche Ursachen künftig besser erkannt werden können. Auch bei der Bereitstellung produktionsrelevanter Informationen in unterschiedlichen Sprachen sieht das Unternehmen Einsatzmöglichkeiten.
Renken schätzt dabei besonders die Anbieterneutralität des TZEW: „Viele privatwirtschaftliche Beratungen verfolgen ein bestimmtes Interesse. Zum Beispiel bei der Vermarktung bestimmter Produkte und Lösungen. Dadurch, dass das TZEW öffentlich finanziert wird, war die Beratung unabhängig. Das hat von Anfang an Vertrauen aufgebaut, weil es um unsere Interessen ging.“
„Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist es häufig schwierig, neben dem Tagesgeschäft neue Technologien systematisch zu bewerten. Eine Potenzialanalyse schafft zunächst Orientierung. Wo steht das Unternehmen? Welche Anwendungen passen tatsächlich zu den eigenen Prozessen und an welchen Stellen lohnt es sich, weiter ins Detail zu gehen? Bei Bedarf holen wir dafür gezielt weitere Experten hinzu“, sagt Sven Samplatzki, Projektleiter beim Transferzentrum Elbe-Weser.
Hintergrund: So unterstützt das Beratungsangebot für KMU im Landkreis Harburg
Das Beispiel Multi-Food zeigt: Am Anfang muss noch keine fertige technische Lösung stehen. Der erste Schritt kann darin bestehen, die eigenen Prozesse mit einem unabhängigen Blick zu betrachten und herauszufinden, wo neue Technologien tatsächlich weiterhelfen können. Das TZEW unterstützt kleine und mittlere Unternehmen bei technologischen und innovativen Fragestellungen – unter anderem zu Digitalisierung und KI, Produktions- und Prozessoptimierung sowie bei der Suche nach geeigneten Fachleuten und Kooperationspartnern. Im Landkreis Harburg arbeitet das TZEW dabei mit der WLH Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg GmbH zusammen.
Unternehmen können sich mit ihren Fragestellungen an die WLH wenden, die bei Bedarf den Kontakt zum TZEW und zu weiteren Experten herstellt. Für kleine und mittlere Unternehmen aus dem Landkreis Harburg ist die TZEW-Beratung bei Vorlage eines entsprechenden KMU-Testats kostenfrei.